«Meine Arbeit»


Auszug

Ich frage mich, wie es mir geht. Ich frage mich heute, weil es irgendwann so kommen musste. Und ich frage mich selbst, weil kein anderer das tut, niemals tun wird, liegt es doch in der Natur meines einsamen Schaffens, meiner protokollarischen Tätigkeit, meines Ringens um Wahrheit, dieser mürbe Splitter, den ich dem Weltgeschehen abzumeißeln suche, um ihn mit vorsichtigen Fingern aufzunehmen.

Ich halte ihn wie Gott, zwei spitze Enden zwischen Daumen und Zeigefinger, zwischen Himmel und Erde, gegen das Licht, das ich selbst bin, ich, der einsamste Mensch, Schöpfer aller Welten, die ich will, die ich kommen sehe, die mir aus meinem Schaffen heraus geraten, die unter meiner einsamen Hand zu etwas Eigenem wachsen … er, sie und ich, die Zeit und ihre Umkehrung, das Bett, das Zimmer, die Straße, die Stadt, die Welt, in der wir sind – Produkt meiner selbst, mein Abbild, mein Gegenbild, der Spiegel, in dem ich mich mit zitternden Fingerspitzen sehe.

«Die Wende im Leben des W.»


Auszüge aus dem Buch

Noch waren alle Grenzen unerreichbar fern und am Horizont zeichnete sich nur der glockenhafte Dunst Berlins ab. Bald schon tauchten wir hinein. Endlos die lückenhaften Häuserzeilen, die sich auftaten, die verrußten Fassaden, die abgebrochenen Balkone. Und immer wieder zerschossenes Mauerwerk, wie zur Deckung mahnend, auch dort, wo nicht nach dem ersten Anruf scharf geschossen wurde. Unverhofftes Grün zwischendurch. Große, weite Parks. Klein und parzelliert hingegen aber ebenso menschenleer das aussteigerhafte Schrebergartenidyll. Eingezäunte, heile Welten mit Wochenendobdach und Sonnenterrasse, mit Schirmen und aufgeblasenen Wasserbecken, mit grünem Obst an den Bäumen. Es war noch nicht reif, um schon gepflückt und eingekellert zu werden von dem, der den Lauf der Natur sieht, mit ihm den nächsten Winter, der nicht in dieser, seiner eigenen Welt war, nicht an diesem Vormittag. Der improvisierend oder bummelnd oder den Feierabend einfach abwartend sich gerade an einen größeren Plan verschwenden musste.

***

… die Tage modern dahin. Ruhe, Stillstand, Zeit. Morgen für Morgen gleich und jeder Abend dem Morgen. Wochen vergehen. Mir liegt an nichts und nichts geschieht. Wenn ich müde bin, schlafe ich. Wenn ich Hunger habe, esse ich. Wenn ich mich unterhalten will, rede ich mit mir. Ich lese, wenn mir das nicht reicht, und wenn ich etwas sehen will, gehe ich spazieren. Das Atelier – ein toter Raum am Ende des Flures. Stell Dir vor, es ging mir gut.

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«Ich traf sie spät vor dem Park»


Einblattdruck Nr.129 | Herausgeber Peter Hauser

Viktoriapark Berlin / Foto F. Wianka
Viktoriapark Berlin / Foto F. Wianka

Ich traf sie spät vor dem Park. Die Sonne fiel langsam zur Seite weg, viel früher als ich dachte. Sie streifte die Giebel, war bald halbiert, keine Wärme mehr, nicht einmal zur Hälfte. In meinem Rücken übte der Herbst seine Winde. Er legte die Blätter von einer Seite auf die andere, wie um sie besser abreißen zu können, wenn es an der Zeit ist. Und in vollkommener Monotonie, als wolle er zur Ruhe mahnen, rauschte der künstliche Wasserfall. Ein alter Mann zog seinen mürrischen Hund an meiner Bank vorbei. Er überquerte die Straße und ging in sein Haus. Der Hund machte einen Sprung, brachte seinen Schwanz in Sicherheit, die Tür schlug zu, Licht ging an. Zwei müde Silhouetten auf jeder halben Treppe. Licht in einer Wohnung, Dunkelheit im Treppenhaus. Nur nicht im vierten Stock…. Ein Hund der wohl kein Ende finden kann.

Laternenlicht glimmte auf. Ein zarter Blitz, der durch die Straße fuhr, der langsam heller wurde. Das Osteriaschild leuchtete durch Autoscheiben, in suchende Gesichter. Müde Fahrer, die ihre Wagen im Schritttempo vorüber lenkten, die in Seitenstraßen bogen, um zu Fuß zurückzukehren. An der Villa Kreuzberg blinkte die Afterhour in reißerischen Farben. Und hinter mir, wie ein tiefer dunkler Rachen, gähnte der Park, die unheimliche Beute der Böen. Erregtes Blätterrasseln drang aus seiner Tiefe. Der Wasserfall war abgestellt. Ungesehen verrauschte Bäche bis dahin…

Sie kam auf der anderen Straßenseite, den Kopf zu Boden geneigt, und wäre wohl vorübergegangen, wenn ich nicht gerufen hätte. Dreimal, erst dann blieb sie stehen. Sie schaute wie über einen reißenden Strom zu mir. Ich wartete einen Wagen ab und ging über die Straße. Ihre vorgestreckte Hand hielt mich auf Abstand. Zufrieden die Frage nach Art der Begrüßung beantwortet zu sehen, nahm ich sie. Und unzufrieden über die kalte Förmlichkeit fragte ich, wie es ihr geht. „Ich hatte einen scheiß Tag.“ „Du auch“ log ich, da er für mich erst begonnen hatte, und log nicht, in der geringen Erwartung, die sie mir ließ. „Eigentlich wollte ich absagen.“ Sie zog die Hand zurück. „Aber das hättest du nicht verstanden.“ Ihre Augen wanderten zur Seite, verloren sich im dunklen Park. „Heute geht mir alles schief. Ich konnte in der Nacht nicht schlafen. Dann bin ich zu spät in die Uni gekommen und so weiter…“ Meine Hände steckten tief in den Hosentaschen. Ich spielte mit dem Schlüssel. In ihren Augen glänzte das Schwarz des Parks. „Laß uns spazieren gehen!“ Sie nickte ein stummes, freudloses Ja.

Asphalt führte uns in den Park hinein. Die Bäume schluckten das Licht der Stadt, allmählich auch den Lärm, dämmriges Grau und das Rauschen einer fernen Welt. Serpentinenartig schraubten sich die Wege auf und ab, teilten Baumreihen, durchschnitten Buschwerk, tote Dichter grüßten steinern vom Rand. Hecken gaben labyrinthische Verzweigungen frei, die ich einschlug oder nicht. Sie folgte mir… Merkwürdige Töne. Leise Schreie erst von irgendwoher. Bald ein diszipliniertes Schnattern von oben. Zahllose Punkte am Himmel – ein großes V, das mit singenden Schwingen südwärts zog. Den Kopf im Nacken staunte ich und lauschte. Sie, blind und taub, ging alleine weiter und war im Dunkel verschwunden… Stille am Himmel. Milchige Wolkenfäden quergezogen. Diesiges Glimmen der Sterne. Rauschen in den Bäumen. Eine Sirene vor dem Park.

Auf dem Berg hatte ich sie wieder eingeholt. Sie stand zitternd in den Böen, den Blick über die Stadt verloren, das Kriegerdenkmal im Rücken, das harte Licht der Scheinwerfer im Gesicht. Kies knirschte unter meinen Sohlen, knirschte um das Denkmal herum, jeder Schritt eine Schlacht, bis ich neben ihr stand. Ich hielt Abstand wie ein Fremder. Ich schaute auf die Stadt wie ein Besucher. Ich sah von Ampeln losgelassene Lichterketten, ein wohnliches Glimmen unter jeder Traufe, eitriges Neon am Potsdamer Platz, Scheinwerferkegel wie suchende Flak, das Warnblinken amFernsehturm, die Antwort kommender Flugzeuge, die Leuchtfeuerschneise von Tempelhof. Ich sah ihre Arme verschränkt, die Augen schmal gegen den Wind, ein Zucken um die Winkel. Ich suchte die Stadt nach vertrauten Orten ab, von denen ich erzählen konnte, nach längst verlorenen Erinnerungen, etwas das das Schweigen bricht. Aber ich sah nur die Mauern, die es nicht mehr gab, die Narbenwülste, die über den Wundrändern spannten. Ich hörte den Schlachtenlärm in meinem Rücken und konnte nichts sagen oder wollte nicht mehr. Oder mir fiel nichts ein, das sich für ein Rendezvous geeignet hätte. Ich ließ das Denkmal hinter mir, den Kies, den Berg, den Park, die Stadt und sie.